Dokumentation der digitalen Impulsveranstaltung der Fachstelle SprachQultur

„Wir können es uns heutzutage nicht mehr leisten, Menschen nicht zu verstehen“

 

Am Freitag, den 25. Juni 2021 fand die digitale Impulsveranstaltung der bundesweiten Fachstelle SprachQultur statt. Im Fokus stand die inhaltliche Ausrichtung und Zielsetzung der Fachstelle sowie die Beleuchtung der Sprach- und Kulturmittlung aus unterschiedlichen Perspektiven der Theorie und Praxis. Über 110 interessierte Teilnehmer aus Politik, Praxis und Wissenschaft, aus Verbänden und Stiftungen, Kommunalen Integrationszentren, Sprachmittlerpools sowie freiberufliche Dolmetscher und Übersetzer folgten per ZOOM den Erläuterungen der Gastgeber und den Fachbeiträgen der externen Referenten. Der Chat wurde rege genutzt, um Fragen an die Referenten zu stellen und – teilweise auch sehr kontrovers- mit diesen zu diskutieren.

Mit einem herzlichen Gruß der Integrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz, unter deren Schirmherrschaft die Fachstelle SprachQultur steht, begrüßte Honey Deihimi, Leiterin des Referates für Gesellschaftliche Integration im Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, die Zuhörer. In ihrer Ansprache betonte sie die gesellschaftspolitische Relevanz der Sprachmittlung, die sich auch während der Corona-Krise beim Zugang zu fremdsprachigen Zielgruppen gezeigt habe.

Dr. Roman Lietz aus dem Arbeitsbereich für Interkulturelle Kommunikation der Johannes Gutenberg-Universität Mainz verglich in seinem Vortrag Ansätze der Integrationsarbeit. Dabei unterschied er Paten, Multiplikatoren, Integrationslotsen und Comunity Interpreter. Neben einer klaren Systematik plädiert er für Transparenz und Qualitätsstandards, die für alle im Themenfeld der Integrationsarbeit Tätigen unentbehrlich seien.  

Varinia Fernanda Morales, Koordinatorin der Fachstelle SprachQultur, stellte in ihrem Beitrag die Entstehung und Ausrichtung der Fachstelle SprachQultur vor. Ziel sei die Stärkung und Förderung der Angebotslandschaft der Sprach- und Kulturmittlung unter Berücksichtigung unterschiedlicher Anforderungen und der Einhaltung von Qualitätsstandards. Sie lud die Teilnehmenden ein, diesen Prozess gemeinsam zu gestalten.

Im nachfolgenden Impulsvortrag referierte Nicola Fischer aus dem Referat Sprachendienste des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zur Sprachmittlung im Asylverfahren. Dem Idealbild vom Dolmetschen im Asylverfahren stehe mit den fürs BAMF eingesetzten freiberuflichen Sprachmittelnden eine heterogene Personengruppe gegenüber. Dies unterstreiche die Bedeutung einer Definition und bereichsspezifischen Vereinheitlichung von Qualitätsanforderungen.

Im folgenden Programmpunkt „Schlaglichter der Sprach- und Kulturmittlung“, wurden vier unterschiedliche Einsatzbereiche der Sprach- und Kulturmittlung aus der Praxis präsentiert.

Regine Schefels, Leiterin des Referates Familienpolitik und Familienförderung aus der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie stellte die Arbeitsweise der Stadtteilmütter in der Community-Arbeit vor. Dabei ging sie auf die Kernaufgaben und -kompetenzen der Stadtteilmütter ein und erläuterte die durch Senatsbeschluss nun langfristig als Landesprogramm Stadtteilmütter abgesicherte Finanzierung.

Dr. Michael Bräuer, Leiter des Referates Nachwuchsgewinnung im Zentrum für Interkulturelle Kompetenz des Ministeriums der Justiz NRW und Dr. Jessica Schrinner, Referentin im Zentrum für Interkulturelle Kompetenz in der Justiz NRW, erläuterten die Hintergründe des neuen Projekts zum Einsatz von Sprach- und Kulturmittlern im Justizwesen. Damit möchte die Justiz neben fachlicher Sprachmittlung auch stärker kulturelle Aspekte in ihre Arbeit einfließen lassen.

Auf eine mehrjährige Zusammenarbeit mit Sprach- und Integrationsmittlern (SIM) blickt Jörg K. Unkrig, Leitender Kriminaldirektor im Referat Kriminalprävention / Opferschutz / Kriminalpräventive Landesprojekte im Ministerium des Inneren des Landes NRW, zurück. Er schilderte die Rolle der SIM in der kriminalpräventiven Initiative „Kurve kriegen“, in deren Rahmen sie aufgrund ihrer Sprach- und soziokulturellen Kompetenzen in Zusammenarbeit mit Pädagogen und Polizei als Türöffner in Familien fungieren.

Ulrich Bestle, Vorstandsmitglied der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, hob die Notwendigkeit der Sprachmittlung in der Psychotherapie mit fremdsprachigen Patienten hervor. Ohne gemeinsame Sprache sei eine Therapie nicht möglich ist, was erhebliche Konsequenzen nach sich ziehe. Anstelle von Einzelfalllösungen, wie sie bislang gefunden werden müssten, plädiert Bestle für eine strukturell geregelte Finanzierung der Dienstleistung.

Differenzierte Angebote nach Einsatzanforderungen am Beispiel der Stadt Köln war das Thema von Susanne Kremer-Buttkereit, Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums im Amt für Vielfalt, Köln. Sie betonte die Verantwortung der Verwaltung, dafür Sorge zu tragen, dass alle Angebote an alle Zielgruppen verständlich vermittelt werden. Dabei komme es auf den jeweiligen Kontext an, ob es eines ehrenamtlichen Sprachbegleiters oder eines professionellen Sprach- und Kulturmittlers bedürfe.  

Zum Abschluss der digitalen Impulsveranstaltung wagten Projektleiterin Birgit Naujoks und Projektkoordinatorin Varinia Fernanda Morales einen Ausblick in die Zukunft der Sprach- und Kulturmittlung. In einem Einwanderungsland, in dem Teilhabe für alle ermöglicht werden soll, dürfe die Sprach- und Kulturmittlung nicht nur in einzelnen Bereichen nach und nach erschlossen und erprobt, sondern müsse als Regelinstrument strukturell verankert und ein fester Bestandteil der Integrationsarbeit werden. Dies erfordere eine klare Definition und Abgrenzung der Berufsbilder sowie Transparenz der Qualifikationen, die sowohl für Auftraggeber, Kunden und Klienten als auch für die Tätigkeitausübenden und -interessierten zugänglich sein müssten. „Wir können es uns heutzutage nicht mehr leisten, Menschen nicht zu verstehen“, so der Appell von Varinia Fernanda Morales. „Wir können die Inanspruchnahme der Sprach- und Kulturmittlung in den Bereichen Medizin, Psychotherapie und Soziales aber nur gewährleisten, wenn die Kostenübernahme verbindlich geregelt ist“.

Sprach- und Kulturmittlung ist für Sie ....?

Allen Referenten des Programmpunktes "Schlaglichter der Sprach- und Kulturmittlung" wurde die Frage gestellt, was für sie Sprach- und Kulturmittlung bedeutet. 

„Sprach- und Kulturmittlung ist für mich immer noch etwas Neues, bei dem ich jedes Mal mehr dazu lerne und von dem ich mir viel verspreche und ich bin gespannt, wie es sich in der Justiz entwickelt.“

Dr. Michael Bräuer, Ministerialrat, Referatsleiter, Referat V.4 Nachwuchsgewinnung, Zentrum für Interkulturelle Kompetenz der Justiz NRW, Deutscher Juristentag, Rechtskunde, Ministerium der Justiz des Landes NRW

„Menschen unabhängig ihrer Herkunft und Prägung gerecht zu werden und ihnen einen gleichwertigen Zugang zum Rechtsstaat zu ermöglichen, das ist für mich Sprach- und Kulturmittlung.“

Dr. Jessica Schrinner, Referentin, Zentrum für Interkulturelle Kompetenz der Justiz NRW

„Sprach- und Kulturmittlung ist für mich nicht mehr wegzudenken aus dem Bereich der Polizei und der Prävention.“

Jörg K. Unkrig, Leitender Kriminaldirektor, Referat 424 Kriminalprävention / Opferschutz / Kriminalpräventive Landesprojekte, Ministerium des Inneren des Landes NRW

„Für mich ist es dringend notwendig, wenn meine Sprachkenntnisse nicht ausreichen, um mit dem Patienten ins Gespräch zu kommen und am besten, wenn ich gar nicht merke, dass das mit Sprachmittlung stattfindet.“

Ulrich Bestle, Vorstandsmitglied Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, stellv. Leiter der Ausbildungsambulanz und leitender Psychologe der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

 

Live-Aufzeichnung der Impulsveranstaltung

PowerPoint Präsentationen der Referenten

Gerne können Sie die PowerPoint Präsentationen der Referenten herunterladen, indem Sie die entsprechende Startfolie anklicken. 

Referenten der Impulsveranstaltung

Programm

14:00 Uhr  I  Begrüßung

Honey Deihimi, Referatsleiterin, Referat für Gesellschaftliche Integration, Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration


14:10 Uhr  I  Ansätze in der Integrationsarbeit im Vergleich – Qualitätsansprüche im Disput

Dr. Roman Lietz, Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Arbeitsbereich Interkulturelle Kommunikation, Johannes Gutenberg-Universität Mainz


14:25 Uhr  I  SprachQultur stellt sich vor – Entstehung und Ausrichtung der Fachstelle Sprach- und Kulturmittlung in Deutschland

Varinia Fernanda Morales, Koordinatorin Fachstelle SprachQultur


14:45 Uhr  I  Sprachmittlung im Asylverfahren

Nicola Fischer, Referentin, Referat 31E Sprachendienste, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge


15:00 Uhr  I  Schlaglichter der Sprach- und Kulturmittlung

STADTTEILMÜTTER IN DER COMMUNITY-ARBEIT  

   Regine Schefels, Referatsleiterin, Referat V B Familienpolitik und Familienförderung, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, Berlin

SPRACH- UND KULTURMITTELNDE IM JUSTIZWESEN

   Dr. Michael Bräuer, Ministerialrat, Referatsleiter, Referat V.4 Nachwuchsgewinnung, Zentrum für Interkulturelle Kompetenz der Justiz NRW, Deutscher Juristentag, Rechtskunde, Ministerium der Justiz des Landes NRW

   Dr. Jessica Schrinner, Referentin, Zentrum für Interkulturelle Kompetenz der Justiz NRW

SPRACH- UND INTEGRATIONSMITTLER:INNEN IN DER PRÄVENTION VON KINDER- UND JUGENDKRIMINALITÄT 

   Jörg K. Unkrig, Leitender Kriminaldirektor, Referat 424 Kriminalprävention / Opferschutz / Kriminalpräventive Landesprojekte, Ministerium des Inneren des Landes NRW

SPRACH- UND KULTURMITTLUNG IN DER PSYCHOTHERAPIE 

   Ulrich Bestle, Vorstandsmitglied Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, stellv. Leiter der Ausbildungsambulanz und leitender Psychologe der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz


16:00 Uhr  I  Pause

16:05 Uhr  I  Differenzierte Angebote nach Einsatzanforderungen am Beispiel der Stadt Köln

Susanne Kremer-Buttkereit, Leiterin Kommunales Integrationszentrum, Amt für Integration und Vielfalt, Stadt Köln


16:20 Uhr  I  Ausblicke für die Sprach- und Kulturmittlung

Varinia Fernanda Morales (Koordinatorin) & Birgit Naujoks (Leitung), Fachstelle SprachQultur


Moderation 

Anna Billharz

Das Programm können Sie auch gerne als PDF downloaden.